Marktkommentar
25. April 2025
USA gegen alle: China & Co rüsten sich für den Handelskrieg
- Gewinnschätzungen sinken
- China setzt auf Inlandskonsum
Gewinnschätzungen werden korrigiert
Indes haben zu Beginn der Berichtssaison für das erste Quartal 2025 die Aktienanalysten ihre Gewinnschätzungen für das nächste Jahr nach unten korrigiert. Die Herabstufungen waren in den USA am stärksten ausgeprägt, haben sich aber kürzlich auch in Europa beschleunigt, wie die größte US-Bank J.P. Morgan berichtet. Deren Vorsitzender Jamie Dimon, der als bedeutender Vordenker und Stratege gilt, hat sich übrigens nach anfänglicher Unterstützung für Trump in den letzten Wochen zu seinem nunmehr prominentesten Kritiker entwickelt. Höhere Zölle können die Gewinne belasten, wenn die Unternehmen die höheren Importpreise teilweise in ihren Gewinnspannen auffangen müssen oder wenn die schwächere Verbrauchernachfrage aufgrund höherer Preise das Umsatzwachstum einschränkt. Aufgrund der ständigen Änderungen in der US-Zollpolitik und der Reaktionen anderer Regionen ist das Ausmaß dieser Auswirkungen schwer abzuschätzen. Daher sind die Unternehmen zurückhaltend, wenn es darum geht, in dieser Gewinnsaison detaillierte Prognosen abzugeben.
Handelskrieg der Giganten – wer verliert?
Während die EU noch das „Zoll-Moratorium“ von 90 Tagen für Verhandlungen nützt und sich hoffnungsvoll für eine tragbare Lösung gibt, rüstet sich insbesondere China gegen die Nachteile durch die angekündigten und teils schon umgesetzten Zollerhöhungen. Der sich zuspitzende Handelskrieg zwischen den wichtigsten geopolitischen Mächten der Welt droht beiden Volkswirtschaften schweren Schaden zuzufügen und weltweit Schockwellen auszulösen.
US-Verbraucher bekamen durch Importe aus China einen billigen Zugang zu Kleidung, Schuhen, Elektronik wie iPhones und anderen Konsumgütern, was die Lebensqualität der Mittelschicht erhöht hat. China hat den US-Handel genutzt, um die Produktionen auszuweiten und dutzende Millionen seiner Menschen aus der Armut zu befreien. In den Vereinigten Staaten bestand die Kehrseite dieses Arrangements darin, dass billige Waren aus China die US-Industrie überschwemmt haben, von der Stahlerzeugung im Rust Belt bis zur Möbelherstellung in North Carolina. Chinakritiker in Washington argumentieren nun, dass die USA ihren „Feind“ erst zur Supermacht aufgebaut haben, indem sie ihre Sucht nach billigen Konsumgütern befriedigt haben.
Warenvolumen von 600 Mrd. USD
Sollten Trumps umfassende Zollpläne in der aktuell angekündigten Form umgesetzt werden, wird das zu einer Entkopplung der beiden Volkswirtschaften führen. Die USA und China tauschten im Jahr 2024 Waren im gigantischen Wert von fast 600 Milliarden US-Dollar aus – Ströme, die seit langem ein riesiges Netzwerk gemeinsamer Interessen bilden und als mächtige Eskalationsbremse dienen. Trumps Zoll-Taktik geht davon aus, dass die Androhung massiver Konsequenzen China zu Verhandlungen zwingen wird. Aber China unter Druck zu setzen, könnte nach hinten losgehen. Die Volksrepublik China hat nicht nur enormes wirtschaftliches Gewicht, sondern reagiert auch sensibel auf Kränkungen durch westliche Mächte, die es als Versuch ansieht, ihren globalen Aufstieg zu vereiteln.
China sucht nach Alternativen
Die Zölle belasten die chinesischen Exporte, verschärfen die Überkapazitäten und verstärken den deflationären Druck. Peking bemüht sich daher aktiv um eine Diversifizierung seiner Handels- und Investitionsbeziehungen, etwa zu Japan, Südkorea und den ASEAN-Staaten (Verband zehn südostasiatischer Staaten zur wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Zusammenarbeit). Das Streben nach alternativen wirtschaftlichen Verflechtungen ist jedoch nicht ganz einfach – abweichende Regulierungsstandards, geopolitische Rivalität und sich überschneidende regionale Interessen könnten ihrem Erfolg im Weg stehen.
Fokus auf Binnenkonsum
Daher setzt Peking zunehmend auf eine strategische Neuausrichtung im Inland. Kern dessen ist ein erneuter Fokus auf die Stärkung von Einkommen und den Konsum der privaten Haushalte. Zu den im März angekündigten Maßnahmen zählen Anpassungen bei der Mindestlohnregelung, die Ausweitung von Renten- und Arbeitslosenleistungen sowie gezielte Subventionen zur Entlastung bei der Kinderbetreuung – allesamt Schritte, um strukturelle Hürden für den privaten Konsum abzubauen. Noch bemerkenswerter ist jedoch, dass Chinas Führung unter Xi Jinping erstmals den Binnenkonsum zum zentralen Pfeiler der nationalen Wirtschaftspolitik erklärt hat. Die Abkehr von einem export- und investitionsgetriebenen hin zu einem konsumorientierten Wachstumsmodell war lange angekündigt – nun scheint dies gezielt umgesetzt zu werden. Der Handelskonflikt mit den USA könnte sich dabei als Katalysator erweisen.
Die Geldpolitik der chinesischen Zentralbank (People’s Bank of China) zieht mit den fiskalischen Maßnahmen an einem Strang. Die jüngsten Abwertungen des Yuan unterstreichen Pekings Strategie: den Exportdämpfer abzufedern, ohne Kapitalabflüsse oder Instabilität am Finanzmarkt zu riskieren. Weitere geldpolitische Lockerungen gelten als wahrscheinlich. Im Raum stehen gezielte Liquiditätsspritzen, Leitzinssenkungen sowie zusätzliche Maßnahmen zur Stützung der Kreditvergabe. Parallel koordiniert sich die Zentralbank eng mit staatlichen Fonds, um die Marktliquidität sicherzustellen und die Volatilität einzudämmen.
DeepSeek und die technologische Aufholjagd
Des Weiteren setzt China einen Schwerpunkt im Bereich der künstlichen Intelligenz. Und die Strategie der Regierung, KI als wichtigen Motor des Wirtschaftswachstums zu fördern, beginnt Früchte zu tragen: Investitionen fließen gleichermaßen in Start-ups und etablierte Unternehmen. Es wird erwartet, dass sich die Einführung von KI in allen Branchen beschleunigen wird, was den langfristigen Wachstumsaussichten zugutekommen dürfte. Nirgendwo wird dies deutlicher als im rasanten Aufstieg von DeepSeek, dem KI-Startup, das mit seinem günstigen Large Language Model (LLM) die Aufmerksamkeit des Marktes auf sich gezogen hat. Der Aufstieg des Unternehmens signalisiert sowohl technologische Reife als auch einen potenziellen Wendepunkt.
Jetzt in China investieren?
Die Marktstimmung bleibt angesichts des eskalierenden Handelskriegs fragil und wird zusätzlich durch inländische Herausforderungen wie Deflation, schwachen Konsum und noch immer nicht gelösten Problemen am Immobilienmarkt belastet. Dennoch bietet der technologische Aufschwung, wie er durch Unternehmen wie DeepSeek reflektiert und durch kontinuierliche staatliche Unterstützung gefördert wird, einen positiven Ausgleich zur vorherrschenden Marktunsicherheit. Zudem machen die derzeitigen Bewertungsabschläge chinesische Aktien im internationalen Vergleich attraktiv. Für langfristig orientierte Anleger, die bereit sind, kurzfristige Volatilität durchzustehen, sind chinesische Aktien einen näheren Blick wert.
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