Marktkommentar

12. Juli 2024

Die Bürde hoher Staatsschulden

  • Nicht nur Frankreich alarmiert die Finanzmärkte
  • Schulden gefährden Wohlstand künftiger Generationen
Das Superwahljahr 2024 wurde jüngst noch um eine unvorhergesehene, von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron ausgerufene Parlamentswahl in Frankreich angereichert. Das Ergebnis dieser Wahl – ein Sieg für das linksgerichtete Bündnis – alarmiert die Finanzmärkte, die schon zuvor mit Argusaugen auf die hohe Verschuldensquote in Frankreich geblickt haben. Erst vor wenigen Wochen hat die US-Ratingagentur Standard & Poor‘s die Kreditwürdigkeit des Landes herabgesetzt. Jetzt lautet die Befürchtung, die „Linke“ könnte die Leistungen aus dem ohnehin angespannten Staatshaushalt ausweiten wollen, schreiben die Experten des Steiermärkische Sparkasse Private Banking. Zuvor hatte Macrons Regierung versprochen, das Haushaltsdefizit von 5,5 % des Bruttoinlandsprodukts im vergangenen Jahr auf eine Obergrenze der Europäischen Union von 3 % bis 2027 zu senken – ein Ziel, das nun unerreichbar ist.

Weltweit steigen die Staatsschulden

Doch nicht nur im nach Bruttoinlandsprodukt (BIP) zweitgrößten Staat der Europäischen Union sind die Staatsschulden ein immer virulenteres Problem. Auch in den USA steht der Schuldenkurs auf dem Prüfstand. Wie sensibel die Märkte derzeit auf News rund um die Schulden reagieren, zeigte sich am Anstieg der Renditen der 10-jährigen US-Treasuries von 4,3 auf 4,5 Prozent nach dem jüngsten TV-Duell der beiden US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump und Joe Biden. Den missglückten Auftritt Bidens interpretierten die Anleihenmärkte als Signal für die gestiegenen Chancen Trumps und einer wahrscheinlichen Ausweitung der US-Staatsverschuldung, sollte er im November das Rennen machen. Trump galt in seiner ersten Amtszeit von 2016 bis 2020 als „Schuldenkaiser“.

Japan ist Schulden-Spitzenreiter

Unter den wichtigen Volkswirtschaften der Welt ist Japan mit einer Schuldenquote von mehr als 250 Prozent gemessen am BIP das mit Abstand am höchsten verschuldete Land der Welt. Da der überwiegende Teil der japanischen Staatsverschuldung von inländischen Investoren, wie der Bank of Japan, japanischen Banken und Versicherungsunternehmen, gehalten wird, ist das Risiko von Kapitalflucht und Währungskrisen geringer als bei anderen Staaten, die stärker von ausländischen Geldgebern abhängig sind. Innerhalb der EU ist Griechenland mit Zahlungsverpflichtungen von mehr als 160 % immer noch Spitzenreiter bei den Schulden, gefolgt von Italien (137 %) und Frankreich (110 %). Die Schuldenquote der USA lag zuletzt bei rund 120 %.

Wie viele Schulden sind möglich?

Die Schuldentragfähigkeit hängt von vier Hauptbestandteilen ab: Primärsalden (= der Überschuss der Staatseinnahmen über die Ausgaben ohne Zinszahlungen), reales Wachstum, Realzinsen und Schuldenstand. Höhere Primärsalden und Wachstum tragen zur Schuldentragfähigkeit bei, während diese durch höhere Zinssätze und Schuldenstände erschwert wird.

Lange Zeit war die Schuldendynamik weniger problematisch. Das lag daran, dass die Realzinsen deutlich unter den Wachstumsraten lagen. Dies verringerte den Druck zur Haushaltskonsolidierung und ermöglichte ein Abdriften der öffentlichen Defizite und der Staatsverschuldung nach oben. Während der Pandemie stiegen die Schulden dann noch weiter an, als die Regierungen große Nothilfepakete auflegten. Infolgedessen ist die Staatsverschuldung als Anteil am Bruttoinlandsprodukt in den letzten Jahrzehnten sowohl in den Industrieländern als auch in den Schwellenländern und Volkswirtschaften mit mittlerem Einkommen erheblich gestiegen. Die mittelfristigen Wachstumsraten werden aufgrund des mittelmäßigen Produktivitätswachstums, der schwächeren Demografie, der schwachen Investitionen und der anhaltenden Narben durch die Pandemie voraussichtlich weiter zurückgehen.

Der IWF warnt

Die aktuelle Kombination aus hohen Staatsschulden, höheren langfristigen Realzinsen und einem recht schwachen Wirtschaftswachstum weltweit werden die mittelfristige Haushaltsentwicklung unter Druck setzen, warnte vor Kurzem der Internationale Währungsfonds IWF. Anhaltend höhere Zinssätze erhöhen die Kosten für den Schuldendienst, steigern den fiskalischen Druck und gefährden die Finanzstabilität. Entschlossene, manchmal unpopuläre aber glaubwürdige fiskalische Maßnahmen, die die Verschuldung schrittweise auf ein tragfähigeres Niveau bringen, können dazu beitragen, diese Dynamik abzumildern. Ohne derartige Schritte wird die Staatsverschuldung weiter steigen. Es ist einfacher, im Staatshaushalt Puffer aufzubauen, solange die finanziellen Bedingungen noch halbwegs stabil und die Arbeitsmärkte robust sind.

Gefahr für den Wohlstand

Eine hohe Staatsverschuldung verursacht eine Reihe von ökonomischen Problemen und kostet Wohlstand, sowohl kurz- als auch langfristig:

  • Einengung der Handlungs- und Entscheidungsspielräume derzeitiger und kommender Generationen, da öffentliche Gelder zu einem immer größeren Teil in den Schuldendienst fließen. Mit zunehmender Verschuldung steigen die Zinszahlungen, die der Staat leisten muss. Diese Zinskosten können einen erheblichen Teil des Haushalts ausmachen und Mittel binden, die für wichtige Ausgaben wie Bildung, Gesundheit und Infrastruktur fehlen. 
  • Eine hohe Staatsverschuldung kann zu Inflation führen, insbesondere wenn die Regierungen versuchen, die Schulden durch die Ausgabe von neuem Geld zu finanzieren. Inflation verringert die Kaufkraft der Währung und kann die wirtschaftliche Stabilität gefährden. Anleger:innen, die in reale Wert wie z.B. Aktien investieren, können hingegen auf eine Wohlstanderhalt hoffen. 
  • Hohe Staatsschulden können zu höheren Zinsen führen, da der Staat sich stärker auf den Kapitalmärkten verschuldet. Dies kann private Investitionen verdrängen, weil die Kosten für Kredite steigen, was das Wirtschaftswachstum beeinträchtigen kann.
  • Wenn die Verschuldung eines Landes zu hoch wird, sinkt das Vertrauen der Investoren und Kreditgeber. Dies kann zu einem Anstieg der Risikoprämien führen, was die Kreditaufnahme für den Staat weiter verteuert und möglicherweise eine Schuldenkrise auslösen kann.
  • Hohe Schulden schränken die Fähigkeit eines Staates ein, auf wirtschaftliche Krisen oder unvorhergesehene Ereignisse zu reagieren. Die Notwendigkeit, Schulden zu bedienen, kann fiskalische Spielräume stark begrenzen.
  • Eine zu hohe Verschuldung kann eine Belastung für zukünftige Generationen darstellen, die diese Schulden zurückzahlen müssen. Dies kann zukünftige Steuersätze erhöhen und die wirtschaftlichen Chancen der nachfolgenden Generationen einschränken.
  • Um die Schulden zu reduzieren, könnten Regierungen gezwungen sein, Sparmaßnahmen umzusetzen. Solche Maßnahmen können zu sozialen Unruhen führen und die Wirtschaft in eine Rezession treiben.

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